Es ist spät, das Licht im Kinderzimmer ist längst aus, aber das Handy leuchtet noch. Die Freundin antwortet nicht mehr, die Eltern schlafen. Einer antwortet trotzdem: der Chatbot. Er ist nicht müde, er hat keine eigenen Sorgen, und er hört zu, so lange man will.
Für viele Kinder ist das keine Ausnahme mehr. Zwei Befragungen, eine aus den USA und eine aus Deutschland, zeigen, wie verbreitet es ist. Und sie zeigen, warum es sich lohnt, genauer hinzuschauen, statt gleich das Handy wegzunehmen.
Was die Studien zeigen
Forschende der University of North Carolina at Chapel Hill haben 2.342 Schülerinnen und Schüler der Klassen 6 bis 8 an 22 Schulen befragt: im Dezember 2025 und noch einmal rund fünf Monate später. Etwa jedes fünfte Kind bespricht emotionale Themen mit KI-Chatbots (öffnet neuen Tab). Wer den Chatbot als emotional nah und als Gesellschaft erlebte, berichtete bei der zweiten Befragung mehr Einsamkeit in der Schule. Mitautor Mitch Prinstein sagte laut Wall Street Journal, in jeder Klasse gäben inzwischen zwei bis vier Kinder an (öffnet neuen Tab), die Unterhaltung mit einem Chatbot einem Gleichaltrigen vorzuziehen.
Eine Einschränkung vorweg: Die Studie liegt bisher nur als Vorabveröffentlichung (öffnet neuen Tab) vor und wird noch von anderen Fachleuten begutachtet. Die Zahl „jedes fünfte Kind“ stammt aus Berichten über die Studie.
Auch für Deutschland gibt es Zahlen. Für die Suchtstudie von DAK-Gesundheit und Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (öffnet neuen Tab) hat das Institut Forsa Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 17 Jahren zusammen mit einem Elternteil befragt. Fast acht Prozent nutzen KI-Anwendungen gegen ihre Einsamkeit. Bei Jugendlichen mit depressiven Symptomen sind es über 30 Prozent. Rund ein Drittel von ihnen erzählt dem Chatbot Dinge, die sie sonst niemandem oder nur engen Freunden anvertrauen würden. Ebenso viele meinen, der Chatbot verstehe sie besser als ein Mensch.
Was die Zahlen nicht sagen
Die naheliegende Schlussfolgerung lautet: Chatbots machen einsam. So einfach ist es nicht. Die Befragungen zeigen einen Zusammenhang, keinen Beweis für Ursache und Wirkung. Die US-Studie deutet zwar auf eine Reihenfolge hin: erst die vertraute Nutzung, dann mehr Einsamkeit. Andere Ursachen schließt das aber nicht aus. Die Erstautorin, die Psychologin Anne Maheux, sagte dem US-Radiosender NPR, Kinder mit schlechterer psychischer Gesundheit suchten eher Hilfe bei der KI (öffnet neuen Tab). Und diese Nutzung könne die Probleme verstärken, statt sie zu lindern.
Eine Studie aus Dänemark mit knapp 1.600 Schülerinnen und Schülern kommt zu einem ähnlichen Befund, deutet ihn aber vorsichtiger (öffnet neuen Tab). Nur ein kleiner Teil, 2,4 Prozent, führte sozial oder emotional unterstützende Gespräche mit einem Chatbot. Diese Jugendlichen waren einsamer als andere und erlebten weniger Rückhalt durch Menschen. Die Forschenden sehen den Chatbot vor allem als Hilfe, um mit schlechten Gefühlen fertigzuwerden, nicht als Ersatz für Freunde.
Für Eltern heißt das: Wenn Ihr Kind mit einem Chatbot über Gefühle spricht, ist das kein Grund zur Panik. Es kann aber ein Hinweis sein, dass es gerade etwas mit sich herumträgt.
Warum sich der Chatbot wie ein Freund anfühlt
Ein Chatbot wie ChatGPT berechnet Stück für Stück, welche Antwort am besten zu den bisherigen Nachrichten passt. Er fühlt nichts, aber er formuliert so, als ob. Die Antwort kommt sofort, zu jeder Uhrzeit, freundlich und geduldig. Er hat keinen schlechten Tag, ist nie gekränkt und erwartet nichts zurück.
Genau das fehlt ihm aber auch. Freundschaft unter Gleichaltrigen ist anstrengend: Man streitet, versöhnt sich, nimmt Rücksicht und hält aus, dass der andere gerade keine Zeit hat. Maheux beschreibt das Risiko gegenüber NPR so: Die KI löst ein Problem im Moment, auf Dauer kann aber die Fähigkeit leiden, mit alltäglichem Stress selbst umzugehen.
Die Bildungsministerkonferenz hat das Thema übrigens im Blick. In ihrem neuen Kompetenzrahmen (öffnet neuen Tab) steht, dass Schülerinnen und Schüler „zwischen menschlicher Kommunikation und Mensch-Maschine-Kommunikation auch emotional unterscheiden“ können sollen. Was der Beschluss sonst enthält, habe ich am Mittwoch eingeordnet.
Was Sie heute tun können
- Neugierig fragen, nicht kontrollieren. „Hast du schon mal mit einer KI über etwas Persönliches geschrieben? Wie war das?“ Kinder erzählen eher, wenn sie keine Strafe erwarten.
- Selbst ausprobieren. Erzählen Sie einem Chatbot von einem kleinen Ärger aus Ihrem Alltag und achten Sie darauf, wie die Antwort klingt. Danach können Sie mit Ihrem Kind darüber sprechen, warum sich das so verständnisvoll anfühlt und was ein Chatbot trotzdem nicht kann.
- Auf Ihr Kind achten, nicht nur auf die App. Wenn Sie den Eindruck haben, dass sich Ihr Kind zurückzieht oder länger bedrückt ist, ist das das eigentliche Thema. Der Chatbot ist dann eher ein Zeichen als die Ursache.
- Hilfe kennen. Die Nummer gegen Kummer (öffnet neuen Tab) ist für Kinder und Jugendliche unter 116 111 erreichbar (montags bis samstags 14 bis 20 Uhr), für Eltern unter 0800 111 0 550 (montags bis freitags ab 9 Uhr). Beides ist kostenlos und anonym, dazu gibt es eine Online-Beratung.
Am 19. November bin ich beim Medienelterntag in Oberding mit dem Workshop „Wie KI unsere Kinder beeinflusst“. Wenn Sie für Ihre Schule oder Ihren Elternbeirat einen solchen Abend planen, schreiben Sie mir: mail@nico-kuechler.de.
